Pressemeldung 27-03-26
Neue invasive Ameise in Deutschland
Forschende finden in Stuttgart erstmals Asiatische Nadelameise
Ein Forschungsteam um Senckenberg-Wissenschaftler Dr. Brendon Boudinot und Dr. Maura Haas-Renninger vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart sowie unter Beteiligung von Forschenden der Universität Hohenheim hat zum ersten Mal die invasive Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) in Deutschland nachgewiesen. Die Forschenden fanden im Stuttgarter Rosensteinpark eine Kolonie der aus Ostasien stammenden Ameise. Die Insekten werden von der Europäischen Union aufgrund ihrer möglichen Schadwirkung und ihrer potenziell allergieauslösenden Stiche als besonders problematisch eingestuft. Die Studie zum deutschen Erstnachweis ist heute im wissenschaftlichen Fachjournal „Zootaxa“ erschienen.
Invasive Ameisen gelten seit Langem als ernstzunehmendes Risiko für die heimische Biodiversität und Ökosysteme und können auch für Menschen eine Gesundheitsgefahr darstellen. Häufig werden sie unabsichtlich mit international gehandelten Gütern importiert, beispielsweise in der Erde von Topfpflanzen. In der Liste der einhundert schädlichsten gebietsfremdem Arten der Global Invasive Species Database nehmen Ameisen gleich fünf Plätze ein – darunter die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta), die Großkopfameise (Pheidole megacephala) und die Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes). In der Europäischen Union sind rund 70 gebietsfremde Ameisenarten bekannt. In Deutschland ist jetzt die Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) dazugekommen. Während eines sogenannten „BioBlitz“, einer zeitlich begrenzten lokalen Arteninventur, gelang es Forschenden des Naturkundemuseums Stuttgart, der Universität Hohenheim und von Senckenberg, die Ameisenart im Juni 2025 erstmals im Stuttgarter Rosensteinpark nachzuweisen. In der heute erschienenen Studie zum Erstnachweis weist das Forschungsteam nachdrücklich auf die Risiken einer möglichen Ausbreitung in Deutschland hin und plädiert für ein gezieltes Monitoring der gebietsfremden Ameise.
„Wir konnten in dem Park eine vollständige Kolonie der Asiatischen Nadelameise mit Nachwuchs entdecken. Das zeigt, dass es sich nicht nur um einzelne eingeschleppte Tiere handelt, sondern sehr wahrscheinlich um eine lokale überwinterungsfähige Population“, berichtet Erstautor Dr. Brendon Boudinot vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Damit liegt der erste gesicherte Nachweis dieser Art in Deutschland vor.“
Die Asiatische Nadelameise stammt ursprünglich aus Ostasien. Im Südosten der Vereinigten Staaten wurde sie 1932 erstmals entdeckt und ist seitdem in mehreren Bundesstaaten verbreitet und heimische Ameisenarten verdrängt. Zudem sind aus den USA auch allergische Reaktionen nach Stichen bekannt. In Europa gab es bislang nur wenige bestätigte Nachweise: Ein Exemplar wurde 2020 in Neapel gefunden, später folgten weitere Funde in Italien, unter anderem am Comer See. 2025 wurde die Asiatische Nadelameise von der Europäischen Union in die sogenannte „Unionsliste“ aufgenommen und damit als potenziell besonders schädliche invasive Art eingestuft.
Für die Bestimmung der in Stuttgart gefundenen Ameisenart verglich das Forschungsteam verschiedene äußere Merkmale wie Körperform, Oberflächenstruktur und Augen. Die Studie liefert eine präzisierte Beschreibung, um die Ameise künftig sicher von nah verwandten Arten unterscheiden zu können.
Die Forschenden vermuten, dass die Tiere in Stuttgart über Pflanzen eingeschleppt wurden. „Urbane Gebiete stehen häufig im Zentrum der Etablierung gebietsfremder Arten: hier kommen sie vermehrt als blinde Passagiere, beispielsweise in Topfpflanzen oder anderen Importgütern an und können sich oft auch besonders gut etablieren“, erklärt Letztautorin Dr. Maura Haas-Renninger vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. „Dass wir geflügelte Königinnen im Stuttgarter Rosensteinpark gefunden haben, zeigt, dass sich die Tiere hier bereits eigenständig weiter ausbreiten könnten.“
Noch ist unklar, wie weit die Asiatische Nadelameise in Deutschland bereits verbreitet ist. Die Forschenden empfehlen gezielte Monitoring-Programme, um eine mögliche Ausbreitung frühzeitig zu erkennen. „Durch den Klimawandel besteht in Europa grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für die Ansiedlung gebietsfremder Ameisenarten,“ warnt Boudinot. „Bereits vor einigen Jahren wurde das potenzielle Auftreten der Asiatischen Nadelameise in Europa prognostiziert.“ Haas-Renninger ergänzt: „Unser Nachweis hebt die zentrale Bedeutung des Biodiversitätsmonitorings hervor: nur wenn wir wissen, welche Arten sich ausbreiten oder zurückgehen, können gezielte Schutzmaßnahmen entwickelt werden.“