Pressemeldung 14-05-26
Seltene Flechten im Kiefernwald: Neue Versuchsflächen in der Oberlausitz
Mit dem Beginn des Frühlings wurden im UNESCO-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft drei Versuchsflächen eingerichtet, um Bodenflechten gezielt in Kiefernwäldern anzusiedeln. Zwei der Flächen liegen bei Kreba, eine weitere bei Milkel. Die Maßnahme wird gemeinsam von den Projekten „MoSaiKTeiL“ und „Oberlausitzer Zukunftswald“ umgesetzt. Ziel ist es, einen selten gewordenen Lebensraum zu fördern: den Flechten-Kiefernwald.
Ein Lebensraum am Rande des Verschwindens
Flechtenreiche Kiefernwälder zählen heute zu den am stärksten gefährdeten Pflanzengesellschaften Deutschlands – und stehen kurz vor dem Aussterben. Allein seit den 1990er Jahren sind rund 90 Prozent ihrer Bestände verloren gegangen.
Dabei sind gerade die sandigen Böden der Oberlausitz, geprägt durch eiszeitliche Ablagerungen, ein idealer Standort für diese hoch spezialisierten Lebensgemeinschaften. Als einer von bundesweit 30 Hotspots der biologischen Vielfalt bietet die Region wichtige Rückzugsräume für seltene Arten.
Überlebenskünstler auf sandigen Böden
„Flechten sind dauerhafte Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen, die eng zusammenarbeiten. Diese Symbiose macht sie zu echten Überlebenskünstlern“, erklärt Tim Heidelk, wissenschaftlicher Projektkoordinator des „Oberlausitzer Zukunftswaldes“. „Je nach Art kommen sie mit den unterschiedlichsten Umweltbedingungen zurecht, reagieren aber meist sehr empfindlich auf Veränderungen. So sind Arten trockener, nährstoffarmer Standorte häufig durch hohe Nährstoffeinträge aus der umliegenden Landschaft gefährdet.“
Zu den ausgebrachten Arten von Bodenflechten gehören das Islandmoos (Cetraria islandica), das trotz seines Namens keine Moosart ist, sondern eine Flechte mit strauchförmigem Wuchs. Ebenso die Echte Rentierflechte (Cladonia rangiferina), die helle, teppichartige Bestände bildet, sowie die Schuppige Säulenflechte (Cladonia squamosa), die durch ihre dicht mit kleinen Schüppchen besetzten Stämmchen auffällt.
Bodenflechten gezielt angesiedelt
Für die Versuchsflächen wurden etwa drei Zentimeter große Flechtenbruchstücke aus bestehenden Populationen innerhalb des Biosphärenreservats entnommen und behutsam auf den vorbereiteten Flächen ausgebracht. Die Entnahme des Flechtenmaterials erfolgte so schonend wie möglich, um die jeweiligen Spenderpopulationen nicht zu schädigen. Auf den Flächen selbst wurde zuvor die Nadelstreu und Moosschicht entfernt, sodass der offene Sandboden wieder freiliegt – eine entscheidende Voraussetzung für die Ansiedlung der Flechten.
Die Maßnahmen wurden im März 2026 umgesetzt. Da der Lebensraum äußerst empfindlich ist, können die Flächen nicht betreten werden.
Naturschutz knüpft an historische Nutzung an
Die Maßnahme greift eine historische Form der Waldnutzung auf: das sogenannte „Streurechen“. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Streu aus Kiefernwäldern als Einstreu für Ställe genutzt. Dadurch verarmten die Böden an Nährstoffen – und genau diese Bedingungen begünstigten spezialisierte Bodenflechten, aber auch seltene Pflanzen wie Bärlappe und Wintergrüne.
„Mit dem Entfernen der Streuschicht stellen wir gezielt Bedingungen her, die früher durch die Nutzung entstanden sind“, sagt Julian Ahlborn, wissenschaftlicher Projektkoordinator von „MoSaiKTeiL“. Auf den Versuchsflächen wurde bereits in den Vorjahren das Streurechen als Naturschutzmaßnahme angewandt, um deren Wirksamkeit zu untersuchen. Das Ausbringen der Flechten ist nun eine weitere Maßnahme, um diese seltene Artengemeinschaft gezielt zu fördern. „In den kommenden Jahren werden die Flächen regelmäßig erfasst. Das begleitende Monitoring soll zeigen, wie gut die Flechten anwachsen und sich ausbreiten, um die Effekte wissenschaftlich zu bewerten“, so Ahlborn.
Erkenntnisse für den Wald der Zukunft
Das Projekt „MoSaiKTeiL“ verfolgt das Ziel, praktische Naturschutzmaßnahmen wissenschaftlich zu begleiten und daraus konkrete Empfehlungen für Pflege, Erhalt und nachhaltige Bewirtschaftung abzuleiten. Die Initiative „Oberlausitzer Zukunftswald“ setzt sich dafür ein, die Wälder der Region zu artenreichen, standortangepassten und klimastabilen Ökosystemen zu entwickeln.
Die Versuchsflächen, die mit tatkräftiger Unterstützung der Verwaltung des UNESCO-Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft angelegt wurden, liefern dafür wichtige Erkenntnisse: Sie zeigen, wie sich seltene Artengemeinschaften unter heutigen Bedingungen wieder etablieren lassen – und welche Maßnahmen langfristig geeignet sind, diese besonderen Lebensräume zu sichern.
Das Projekt „MoSaiKTeiL – Moore, Sand, Kiefern und Teiche – Neue Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft (Hotspot 20)“ wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert. „MoSaiKTeiL“ ist ein Verbundprojekt des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz, der Naturschutzstation Neschwitz e.V. und der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz e.V.
Mehr Informationen finden Sie unter https://www.mosaikteil.de/
Das Projekt „Oberlausitzer Zukunftswald“ (https://oberlausitzer-zukunftswald.de/) wird im Rahmen des Förderprogramms „Kommunale Modellvorhaben zur Umsetzung der ökologischen Nachhaltigkeitsziele in Strukturwandelregionen (KoMoNa)“ durch das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) gefördert. Die Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH betreut das Förderprogramm als Projektträgerin im Auftrag des BMUKN.
Weitere Informationen unter: www.z-u-g.org/komona