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Rangezoomt: Mensch-Natur-Beziehungen

Eine neue Typologie soll helfen, die Umsetzung von Naturschutzvorhaben an individuelle Umstände anzupassen und somit effizienter und gerechter zu gestalten.


Senckenberg-Wissenschaftler*innen haben gemeinsam mit einem internationalen Team eine neue Typologie eingeführt, welche Mensch-Natur-Beziehungen auf der Ebene einzelner Menschen und Naturentitäten – einer definierten Einheit aus dem Bereich Umwelt – kategorisiert. Die 17 Beziehungstypen werden anhand der jeweiligen Einstellung, Verhaltenspräferenz und des Verhaltens eines Individuums definiert. Ziel der Einordnung ist es, Strategien zur Förderung nachhaltigen und naturschutzfreundlichen Verhaltens effektiver zu gestalten und etwaige soziale Ungleichheiten in Mensch-Natur-Beziehungen offenzulegen. Der Artikel erscheint heute im Fachjournal „People and Nature“.

Die neue Typologie richtet den Fokus auf das Individuum und auf einzelne Naturentitäten, um individuelle Unterschiede besser berücksichtigen zu können. Dr. Lisa Lehnen vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (SBiK-F) erläutert: „Mensch-Natur-Beziehungen sind unterschiedlich geartet – je nachdem, welchen Kontext, Menschen oder welche Teile der Natur wir betrachten.“

Doch warum greift das Forscher*innen-Team rund um Lehnen ausgerechnet auf Einstellung, Verhaltenspräferenz und Verhalten eines Individuums zurück, um solche Unterschiede in Mensch-Natur-Beziehungen zu veranschaulichen? Dies erklären die Wissenschaftler*innen in ihrem Artikel unter anderem am Beispiel des Wolfes in Deutschland. Gesellschaftliche Einstellungen zu dem seit einigen Jahren wieder in der Bundesrepublik heimischen Tier sind stark polarisiert: Während die Mehrheit der Deutschen die Anwesenheit der Raubtiere begrüßt, lehnt ein Teil der Bevölkerung Wölfe entschieden ab. Laut Lehnen sind polarisierte Einstellungen ein Indikator dafür, dass die mit einer Naturentität – wie dem Wolf – verbundenen Vor- und Nachteile ungleich in der Gesellschaft verteilt sind. „Die individuelle Einstellung gegenüber einer Naturentität vereint die Überzeugungen und Gefühle des Individuums in Bezug auf die Entität“, erklärt sie und fährt fort: „Wenn jemand die Auswirkungen von Wölfen auf die eigene Lebensqualität als überwiegend negativ wahrnimmt, z. B. weil die Person sich Sorgen wegen Nutztierrissen macht, wird sie meist auch eine negative Einstellung gegenüber Wölfen entwickeln.“ Für den Großteil der Bevölkerung sind Wölfe nicht mit Nachteilen verbunden, sondern vielmehr eine willkommene Bereicherung der Natur. Deshalb überwiegen hier deutlich die positiven Einstellungen zum Wolf.

Doch auch wer aufgrund erfahrener Nachteile eine negative Einstellung gegenüber Wölfen hat, wie beispielsweise viele Nutztierhalter*innen, möchte nicht automatisch Böses für die Tiere. Deshalb betrachtet die neue Typologie auch den Faktor Verhaltenspräferenz. „Hat jemand trotz einer negativen Einstellung eine neutrale Verhaltenspräferenz, will also der Entität – in unserem Beispiel dem Wolf – keinen Schaden zufügen, dann sprechen wir von Toleranz“, erklärt Lehnen. Diese kann durch moralische Beweggründe zustande kommen, z.B. die Überzeugung, dass alle Lebewesen ein Recht auf Unversehrtheit haben. Es kann aber auch vorkommen, dass jemand durchaus negative Absichten hat, diese aufgrund der äußeren Umstände jedoch nicht in die Tat umsetzen kann. Eine Kampagne zur Legalisierung der Jagd auf Wölfe hat nicht zwangsläufig Erfolg. Im Unterschied zum vorher beschriebenen Fall der „neutralen Verhaltenspräferenz“ sei dies aber kein freiwilliger Verzicht auf ein wolfschädliches Verhalten und folglich keine Toleranz. Deshalb bezieht die Typologie sowohl Verhaltenspräferenz als auch tatsächliches Verhalten mit ein und ermöglicht somit eine Unterscheidung zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Verhalten.

Insgesamt liefert die Typologie nicht nur Anhaltspunkte für bestehende Ungleichheiten, gesellschaftliches Konfliktpotenzial und Unvereinbarkeiten vorherrschender Verhaltensweisen mit Naturschutz- und Nachhaltigkeitszielen, sondern auch bezüglich der zugrundeliegenden Faktoren. Letztautor des Artikels

Dr. Thomas Müller vom SBiK-F fasst zusammen: „Durch seinen Fokus auf das Individuum und auf einzelne Naturentitäten kann der vorgestellte Ansatz zu mehr Gerechtigkeit beim Management der Vor- und Nachteile beitragen, die für verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Naturentitäten einhergehen. Ferner kann er helfen, Strategien zur Förderung nachhaltigen und naturschutzfreundlichen Verhaltens effektiver zu gestalten.“

Publikation: Lehnen, L., Arbieu, U., Böhning-Gaese, K., Díaz, S., Glikman, J. A., & Mueller, T. (2022). Rethinking individual relationships with entities of nature. People and Nature, 00, 116. https://doi.org/10.1002/pan3.10296

Die Naturentität „Wolf“ löst unterschiedliche Reaktionen in der Bevölkerung aus. Foto: Jan Noack/Senckenberg

Mensch-Natur-Beziehungen können viele Formen annehmen. Hier: Eine in der Hand eines Kindes sitzende Libelle. Foto: Thomas Müller/Senckenberg